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nach oben| Facts 2019
Ende 2020 ein Vorwort zu einem Filmwirtschafsbericht über das Berichtsjahr 2019 ohne einen Bezug zu dem zu verfassen, was nach dem 1. Lockdown am 16.03.2020 passiert ist, ist unmöglich. Wir leben nahezu in einer neuen Zeitrechnung: vor und nach COVID-19, wann auch immer das „danach“ sein mag. Die in Folge der Pandemie erforderlichen behördlichen Maßnahmen haben die Filmwirtschaft entlang der gesamten Wertschöpfungskette durcheinandergewirbelt; die Langzeitfolgen davon sind nicht absehbar. Die Produktion wurde dramatisch gebremst, der Verwertung des vorhandenen Contents verlagerte sich noch schneller als bisher in Richtung VOD. Und in Zeiten des verordneten Zuhause Bleibens erlebte auch das lineare TV (nicht nur durch die gesteigerte Relevanz der aktuellen Berichterstattung) eine gewisse Renaissance. So hat jede Krise ihre Chancen, ihre Gewinner*innen und Verlierer*innen, auch wenn dies im gesamten Ausmaß (vor allem für das Kino) wohl noch länger nicht feststeht. Wir befinden uns mitten in einem spannenden Transformationsprozess, in dessen Zentrum jedoch klar der weiter ansteigende Bedarf an Content steht – und das sind jedenfalls gute Nachrichten!

In Bezug auf den heurigen Bericht haben wir uns gefragt: Inwiefern macht eine Längsschnittstudie, wie sie der Filmwirtschaftsbericht nun einmal ist, in Zeiten der „Disruption“ überhaupt Sinn?

Wir sind der Meinung, mehr als je zuvor. Denn die Auswirkungen der Corona-Krise, die die Wirtschaft, die Kultur und das gesamte gesellschaftliche Leben betreffen, beschleunigen auch zahlreiche Veränderungen und lenken Gewohntes in neue Richtungen. Was ohne COVID-19 Jahre gedauert hätte, trifft uns alle nun innerhalb von wenigen Monaten. Auch wenn die Entwicklung insbesondere im Vertriebsbereich noch keine endgültige ist - das Wachstum im VOD-Bereich wird früher oder später auch an seine natürlichen Wachstumsgrenzen stoßen - das klassische Modell der Vertriebskaskade über das Kino zu DVD, Video on Demand und dann Pay-TV bis letztlich Free-TV wird mehr und mehr zum Auslaufmodell. Symptomatisch dafür ist die Diskussion, ob Netflix-Produktionen auf den großen Festivals gezeigt werden dürfen, oder nicht. Dieses „Match“ Cannes (Nein zu VOD- Produktionen) gegen Venedig (Ja zu VOD-Produktionen) hat Venedig eindeutig gewonnen, und die OSCARS 2021 ziehen bereits nach. Kooperationen von Streamingdiensten mit Pay-TV oder sogar Free-TV (siehe auch die steigenden Koproduktionen mit dem ORF im Serien-Bereich) weichen die Verwertungskaskade weiter auf, genauso wie die Präsentation von Produktionen von Streaming-Diensten im Kino und der Release einer Major-Produktion bei Amazon (noch dazu wirtschaftlich erfolgreich!). Gerade diese extreme Beschleunigung der Entwicklungen benötigt den analytischen Abstand einer kritischen Reflexion und gesamthaften Betrachtung.

Vor 15 Jahren wurde das erste Kino digitalisiert. Das gesamte System der Verwertung im Kino wurde seither auf den Kopf gestellt. Kopierwerke spielen so gut wie keine Rolle mehr, die Kaskade von den Premieren-Kinos bis zur Premiere im kleinen Ein-Saal-Kino Wochen später ist Geschichte. Digital verbreitete Filme sind immer und überall verfügbar. Die Anzahl der gezeigten Filme hat sich vervielfacht; was nicht funktioniert, fliegt aus dem Programm. Und festlich gekleidete Menschen kommen ins Kino, um nach dem Kauf von teuren Tickets einer Übertragung aus einem der führenden Opernhäuser der Welt beizuwohnen.

Aber alles das verblasst angesichts des Siegeszuges einer Verbreitungstechnologie namens Streaming. Wachstumsraten werden ausschließlich durch die digitale Verbreitung von Inhalten erreicht, die wichtigsten Player haben sich in dieses Geschäftsfeld begeben und die Beträge, die aktuell für Produktionen der Streaming-Anbieter aufgewendet werden, lassen die Kosten für herkömmliche Major-Produktionen schmal aussehen.

In den vergangenen Jahren hat sich das Österreichische Filminstitut ein Netzwerk an Partnerinstitutionen aufgebaut, das für hochwertiges, aktuelles und belastbares Datenmaterial sorgt. Darunter sind Institutionen der Filmwirtschaft (Comscore, Cinecom oder GfK Entertainment) genauso wie Statistik Austria und seit jüngstem tele (Fernsehmagazin).

Es sind diese Kooperationen, die es erlauben, die Entwicklungen der Branche in Österreich, im deutschsprachigen Raum und in den Takt gebenden Ländern wie UK oder USA zu erfassen. Die Entwicklungen der Branche sind technologisch und wirtschaftlich disruptiv und in Österreich meist mit einiger Verzögerung zu beobachten.

Wir verstehen den Österreichischen Filmwirtschaftsbericht daher nicht nur als beschreibende, ex post Betrachtung der Branche, wir sind vielmehr davon überzeugt, dass die Analyse von längerfristigen Entwicklungen und die Beobachtung der internationalen Speerspitzen in der Technologie und den neuen Businessmodellen stabile und verlässliche Orientierung für alle Akteure in der Filmwirtschaft darstellen.

Und diese österreichische Filmwirtschaft kann sich behaupten: Zuletzt waren es mehr als 2.500 Unternehmen mit rund 8.200 Beschäftigten, die (stabile) 1.400 Mio. Erträge und Erlöse erwirtschaften konnten.

Die Unternehmensberater von paul und collegen haben für das Filminstitut die Kennzahlen analysiert und ein Produktionsvolumen von 140.000.000 Euro und eine Gesamtwertschöpfung von 350.000.000 Euro errechnet. Das führt letztlich dazu, dass ein investierter Euro in der Filmwirtschaft netto 2,5 Euro Wertschöpfung bewirkt. Film ist also ein zentraler Wirtschafts- und Wertschöpfungsfaktor mit großem volkswirtschaftlichem Mehrwert, und gleichzeitig entsteht dabei das wunderbare Kulturprodukt „Film“ in all seinen Formen, das uns als (nicht nur selbst) deklarierte Kulturnation ebenso kennzeichnet wie auszeichnet.

Streaming ist international wie national einer der wesentlichen Treiber für die Erzielung großer Reichweiten, und Reichweite bedeutet „Gesehen werden“, was wiederum Relevanz und letztlich auch Legitimation, insbesondere für den geförderten Film, bedeutet.
Dennoch ist es nach wie vor das lineare Fernsehen, das die breitesten Publikumsschichten erreicht. TV erreicht in Österreich im Schnitt 66,4% der Bevölkerung, die tägliche Sehdauer erreicht 196 Minuten pro Tag. Allerdings tut sich hier eine Generationen-Schere auf: Die intensive Nutzung des herkömmlichen TV-Angebots wird zunehmend zum Phänomen der älteren Bevölkerung. Die 14- bis 39-Jährigen decken bereits fast die Hälfte ihres Bewegtbildkonsums über das Internet. Dennoch ist es interessant, dass z.B. Netflix in Frankreich testweise mit einem linearen Kanal im TV-Stil experimentiert. Offenbar sehnt sich das Publikum doch auch nach fixen Strukturen und vorhersehbaren Programmschemata, die eine Plattform mit (Über-)Angebot allein nicht befriedigen kann.

Für das Fernsehangebot sind Kinofilme eine wesentliche Programmsäule. 2019 hat der ORF in den beiden Programm ORF EINS und ORF 2 in Summe 113 geförderte Kinofilme (davon 105 Spielfilme) gezeigt. Damit wurden fast 12.000.000 Seher*innen erreicht. Dazu kommen noch 15 Spielfilme und fünf Dokumentarfilme, die in ORF III gezeigt wurden. Allein die vom ÖFI geförderten Filme erzielten auf ORF III Seher*innen von 1,1 Millionen.

Mag. Roland Teichmann
Direktor Österreichisches Filminstitut
November 2020

Dr. Felix Josef, Mag.a Angelika Teuschl, Mag.a Martina Kandl
Redaktion Filmwirtschaftsbericht